Auf Spenderreise mit den Schwestern der
heiligen Maria Magdalena Postel

 

Bukarest, 26. Oktober 2017, kurz vor Mitternacht. Internationaler Flughafen Henri Coanda. Winfried Meilwes, Fundraiser der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel, hat ein Problem. Zusammen mit Schwester Adelgundis Pastusiak, der leitenden Fundraiserin der Schwestern, ist er gerade mit einer 15-köpfigen Reisegruppe gelandet, bis auf mich alles Spenderinnen und Spender der Schwesterngemeinschaft. Nur der Bus, der uns ins Hotel bringen soll, ist weit und breit nicht zu sehen. Also ein Anruf im Hotel. Dort weiß niemand etwas von einer deutschen Reisegruppe.

Meilwes wählt die Handynummer des rumänischen Reiseleiters. Aber der geht nicht ran. Erst nach einer guten Stunde taucht Paul auf. Er wird uns in der kommenden Woche begleiten. Paul hat mit seinem Bus an einem anderen Ausgang des Flughafens gewartet und erst verspätet erfahren, dass das Gate geändert wurde. Paul zuckt nur mit den Schultern: typisch Rumänien. Immerhin kann er das Problem mit dem Hotel klären. Die Reisegruppe ist bei einer Hotelkette angemeldet und kurzfristig in ein anderes Haus der Kette umgebucht worden. Gegen ein Uhr nachts kann Winfried Meilwes aufatmen. Alle sind gut untergebracht. Auf den Zimmern liegt der bestellte Imbiss. Und ein Bier gibt es auch noch.

Irgendwas ist immer

Spenderreisen sind ein Abenteuer. Daran kann auch ein Jahr sorgfältiger Vorbereitung nichts ändern. Irgendwas ist immer. Die Schwarze Kirche von Brasov (Kronstadt) ist ein „Must-see“ jeder Rumänienreise. Aber sie ist geschlossen. Paul sagt, sie wird renoviert. Das Internet sagt, montags ist sie immer zu. Das Abendessen im Hotel ist kalt, weil es nur eine Bedienung für 100 Gäste gibt. Die Heizung funktioniert entweder gar nicht oder läuft auf Hochtouren. Aber das sind alles nur Kleinigkeiten.

Für uns Reisende ist das eigentliche Abenteuer der Besuch in den Projekten der Schwestern in Siretu und Schineni im Nordosten Rumäniens. Nach dem Besuch des Kinderheims steht Klaus im Bus und weint. Der Grund ist Marian, ein dreizehnjähriger Junge. Da die Situation in seiner Familie mehr als schwierig ist, lebt er im Kinderheim der Schwestern. Das entlastet die Familie finanziell. Außerdem braucht Marian Hilfe. Seine Entwicklung verläuft schwierig. Die Eltern kommen nicht mit ihm zurecht. Dann geschieht bei Marian zu Hause ein Unglück. Bei einem Brand sterben seine drei Geschwister. Elektrischen Strom kann die Familie nicht bezahlen. Die Kinder schlafen ein bei Kerzenlicht. Eine dieser Kerzen muss den Brand verursacht haben. Und Marian gibt sich die Schuld dafür. Wäre er zu Hause gewesen, würden seine Geschwister noch leben. Marian will unbedingt nach Hause. Er läuft weg, macht sich zu Fuß auf den 50 Kilometer weiten Weg. Nur durch Zufall findet ihn die Psychologin des Kinderheims. Sie geht 20 Kilometer mit Marian, bis sie ihn zur Umkehr bewegen kann. Uns alle berührt das Schicksal Marians. Aber uns bewegt auch diese Wir-geben-niemanden-auf- Haltung, die hier überall mit Händen zu greifen ist. Fast zu jedem Kind und zu jeder Familie, die wir kennenlernen, gibt es ähnliche Geschichten.

Große Gastfreundschaft

Noch etwas bewegt uns: die überwältigende Gastfreundschaft, die wir überall erfahren. Es gibt kleine Geschenke, es wird gesungen und getanzt für uns, der Bürgermeister kommt. Und selbstverständlich fährt Schwester Carmen Tereza am Abend Elisabeth zu ihrer Patenfamilie, damit Elisabeth die Familie, die sie seit Jahren unterstützt, endlich persönlich kennenlernen kann. Natürlich hat die Reise auch touristische Seiten. Wir besichtigen Bukarest, Schloss Peles in Sinaia, die Kirchenburg Honigberg und die berühmten Moldauklöster. Während der Busfahrten informiert uns Paul über die Geschichte Rumäniens. „Das muss sein“, findet Winfried Meilwes, „wer die Arbeit in den Projekten verstehen will, muss auch das Land und seine Kultur kennen.“ Und dann sind 948,- Euro pro Person für eine Woche auch nicht ganz günstig. Im Preis enthalten sind Flug, Unterkunft, Frühstück und Abendessen, die Eintrittspreise und die Busfahrt in Rumänien.

Wir alle nehmen den touristischen Teil der Reise gerne mit, der Kern der Reise aber sind die Besuche in den Projekten. Denn jede/-r ist irgendwie mit ihnen verbunden. Harald und Hans-Josef haben als Senior-Volunteers die Installation der Solaranlage auf dem Haus der Zukunft und dem Schwesternheim überwacht. Elisabeth und Christa haben Patenschaften. Andere haben berufliche oder familiäre Beziehungen. Und alle sind überzeugt, dass man da einfach nicht nachlassen darf mit seiner Hilfe. Noch auf dem Flughafen drücken alle Winfried Meilwes und Schwester Adelgundis ihre restlichen rumänischen Leu in die Hände. Schwester Carmen Tereza hat inzwischen zwei neue Gitarren. Anna, mit 91 Jahren die älteste Reiseteilnehmerin, hat mittlerweise sogar eine Zustiftung gemacht. Und Winfried Meilwes denkt über eine Spenderreise nach Brasilien nach.

 

Udo Marquardt