Christian Stelkes, Leiter Marketing und Fundraising, WEISSER RING, über Etablierung und Implementierung des Fundraisings innerhalb einer Organisation

 

FUNDIERT: Sie betreiben seit einigen Jahren Fundraising sehr professionell und mit einer doch recht großen Fundraisingabteilung. Vor welchen Schwierigkeiten standen Sie im eigenen Haus bei der Einrichtung und Etablierung der Abteilung?

 

Christian Stelkes: Wenn man bei einer Organisation neue Stellen schafft oder etwas umorganisiert, dann dauert das ein wenig, weil man bei so etwas ja alle mitnehmen muss. Aber die Entscheidung, dass wir verstärkt Erbschaftsfundraising, Bußgeldmerketing und ähnliches machen müssen, das war allen Beteiligten klar. Aber da es vor mir niemanden gab, der sich explizit um das Thema Fundraising gekümmert hat, blieb das alles etwas stecken. Seit ich hier bin, war klar, all das muss aufgebaut werden, auch wenn die Zahlen gut waren. Aber die Erfahrung zeigt ja: Mit ein wenig Fundraising lässt sich da mehr machen.

 

FUNDIERT: Fundraising wendet sich an die Öffentlichkeit. Das gilt auch für die Bereiche Marketing und Presse, die es ja auch beim WEISSEN RING gibt. Alle drei Bereiche wenden sich mit ganz verschiedenen Zielen an die Öffentlichkeit. Haben Sie diese Ziele irgendwie koordiniert oder abgesprochen?

 

Stelkes: Wir stimmen unsere Arbeit bei Fundraising-Kampagnen und Presseveröffentlichungen ab. Beim Thema Prävention von Verbrechen und Gewalt, einem Kernthema und Satzungszweck des WEISSEN RINGS, wird in Pressetexten immer darauf hingewiesen, dass Prävention nur möglich ist, wenn wir Spenden bekommen. Der Gedanke, das Fundraising bei uns überall zu integrieren, wird stärker. Vorher war das nicht so präsent, vielleicht, weil es auch keine Person gab, die das ausschließlich gemacht hat.

 

FUNDIERT: In welchen Bereichen oder bei welchen Aufgaben (Fotobeschaffung, Corporate Design etc.) klappt denn die Zusammenarbeit gut? Und wo gab es Probleme?

 

Stelkes: Das Schwierige ist es zu erklären, dass Fundraising-Maßnahmen – ein Mailing oder eine Beilage zum Beispiel – sich an Spender wenden. Und eine solche Beilage oder ein Flyer zum Beispiel, sind für die Arbeit am Stand nicht unbedingt optimal. Wenn wir zum Bespiel Überdrucke davon weitergeben, dann fragen uns unsere ehrenamtlichen Helfer, warum wir solche Materialien nicht direkt passend für Messen oder die Fußgängerzone gemacht haben. Da wird nicht differenziert, dass es Material gibt, das sich explizit an Spender wendet. Und das sieht anders aus als Material aus der Öffentlichkeitsarbeit, es sind ja unterschiedliche Zielgruppen. Ich sag mal, solche Unterschiede müssen wir noch mit Leben füllen.

 

FUNDIERT: Jetzt gerade sind Sie dabei, das Nachlassfundraising neu aufzustellen. Wie gehen Sie damit um? Und was unternehmen Sie, um alle Beteiligten mit ins Boot zu holen?

 

Stelkes: Wir haben über 3.000 ehrenamtliche Helfer und Opferberater, die immer wieder einmal zu einem Gespräch mit einem potenziellen Erblasser kommen. Unsere Hoffnung ist, dass all diese Ehrenamtlichen wissen, worum es bei Erbschaften und Nachlässen geht, worauf muss man achten. Natürlich darf niemand zum Thema Erbrecht beraten. Aber ein Ehrenamtlicher kann im Gespräch die Fragen des Erblassers sammeln und dann an die Bundesgeschäftsstelle weiterleiten. Unser Ziel ist es, den gesamten WEISSEN RING von den Ehrenamtlichen über die Landesverbände bis hin zur Erbschaftsabteilung in der Bundesgeschäftsstelle auf eine gemeinsame Linie zu bringen, damit alle bei klar verteilten Aufgaben und Kompetenzen an einem Strang ziehen.

 

FUNDIERT: Man hat immer wieder den Eindruck, dass das Fundraising in einer Organisation Beteiligte an einen Tisch bringt, die eigentlich in der bisherige Arbeit kaum Berührungspunkte miteinander hatten. Wie erklären Sie sich, dass Fundraising eine Organisation in einem guten Sinne in alle Bereiche und Abteilungen einer Organisation „aufwühlt“?

 

Stelkes: Ich glaube, dass wir beim WEISSEN RING das Fundraising noch so in der gesamten Organisation implementiert haben, deswegen wühlt uns das nicht so auf. Was uns aber bewegt ist, dass ich natürlich dem Spende sagen möchte: Das passiert mit deine Geld. Wenn du uns 50 Euro gibst, dann passiert das. Solche Aussagen sind manchmal etwas plakativ und da werde ich dann von den Fachabteilungen darauf hingewiesen, dass es dazu viel mehr zu sagen gäbe. Aber es würde mich wundern, wenn es in anderen Organisationen anders wäre.

 

FUNDIERT: Was empfehlen Sie Kolleginnen und Kollegen, die neu mit dem Fundraising in einer Organisation beginnen und es erst noch in der NGO etablieren und implementieren möchten?

 

Stelkes: Wichtig ist, dass man nicht nach dem Lehrbuch geht: So muss es sein! Man muss schauen, wie die Gegebenheiten in der Organisation sind. Wenn man die Leute gegen sich aufbringt, bekommt man doch gar nichts hin. Man muss schauen, dass es für alle „passt“. Das Wichtigste ist, das man die Spenderverwaltung immer im Boot hat und dann die Fachabteilungen. Denn die können einen alle am langen Arm verhungern lassen. Wir beziehen sie in alle Entscheidungen ein, diskutieren sie aus und suchen nach einer einstimmigen Entscheidung, die wir dann der Geschäftsführung vortragen, damit die dann endgültig entscheiden kann. Ich würde also dringend davon abraten, seinen Kopf durchzusetzen, damit tut man sich keinen Gefallen auf Dauer. Wir sind ja im Fundraising angewiesen auf Geschichten, auf Informationen.

 

FUNDIERT: Gibt es Fehler, die man vermeiden kann?

 

Stelkes: Ich würde, wie gesagt nicht dazu raten, auf Konfrontation zu gehen, um sich durchzusetzen. Was immer hilft, ist, dass man für seine Sache wirbt. Das dauert vielleicht ein wenig länger, aber das ist ja nicht so schlimm. Dann geht man halt langsamer, damit man sich nichts verbaut. Aber die ersten Schritte sind die wichtigsten. Und dann lieber einen breiten Prozess aufsetzen, alle mit einbeziehen und auf gar keinen Fall versuchen, alles irgendwie durchzudrücken. Damit steht man am Ende allein da.

 

Udo Marquardt