Anne Eichmann, Fundraiserin des Landesmuseums Württemberg, im FUNDIERT-Interview über die Kampagne „Wahre Schätze suchen wahre Freunde“

 

FUNDIERT: Frau Eichmann, Sie sind Fundraiserin am Landesmuseum Württemberg in Stuttgart. Was müssen wir uns unter dem Landesmuseum Württemberg vorstellen?

Anne Eichmann: Wir sind das größte kulturhistorische Museum in Baden- Württemberg. Wir betreuen über eine Million Objekte aus verschiedenen Sammlungen: Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte sowie Volkskunde. Unser Hauptsitz ist das Alte Schloss in Stuttgart, dazu kommen Zweigmuseen und eine Außenstelle in der Region.

FUNDIERT: Wir möchten mit Ihnen reden über Ihre Fundraising-Kampagne „Wahre Schätze suchen wahre Freunde“. Was sind denn „Wahre Schätze“?

Eichmann: Ich hole etwas aus: Das Alte Schloss befindet sich seit zehn Jahren in einem umfassenden Prozess der Neuaufstellung und Sanierung. Dabei haben wir uns sukzessive durch die Stockwerke vorgearbeitet: 2006 wurde im dritten Obergeschoss eine große Sonderausstellungsfläche geschaffen und 2010 das Kindermuseum „Junges Schloss“ eröffnet. Im zweiten Stock haben wir 2012 die Schausammlung „LegendäreMeisterWerke – Kulturgeschichte(n) aus Württemberg“ eröffnet. In diesem Jahr sind wir dann mit den „Wahren Schätzen“ im ersten Obergeschoss angekommen: Der Untertitel dieser zweiten neu aufgestellten Schausammlung lautet „Antike • Kelten • Kunstkammer“ – und genau diese drei Sammlungsbereiche zeigen wir hier.

FUNDIERT: Ein Großteil der Ausstellungskosten der „LegendärenMeister- Werke“ und „Wahren Schätze“ wurde über Drittmittel finanziert. Insgesamt wurden 3,9 Millionen Euro eingeworben. Ein großer Teil kam über das Sponsoring, aber es gab auch viele Fundraisingaktionen, und bei einer davon begaben Sie sich auf die Suche nach Objektpaten, nach „wahren Freunden“ eben, die rund 70.000 Euro gespendet haben.

Eichmann: Genau. Die Paten übernahmen symbolisch die Fürsorge für ein Wahre Freunde der Kultur Anne Eichmann, Fundraiserin des Landesmuseums Württemberg, im FUNDIERT-Interview über die Kampagne „Wahre Schätze suchen wahre Freunde“ Objekt ihrer Wahl aus der jeweiligen Ausstellung, indem sie einmalig einen bestimmten Betrag spendeten. Die Auswahl reichte von kleinen Objekten wie einer römischen Goldmünze bis zu Highlights wie der bekannten Großskulptur des „Kriegers von Hirschlanden“. Und auch bei den Spendenhöhen sollte für jeden etwas dabei sein: Die Kategorien staffelten sich von 50 bis zu 5.000 Euro. Zum Dank erhielten alle Spender ihre individuelle Patenurkunde und eine Einladung, das Patenkind in der fertigen Ausstellung zu besuchen. Denn dieses „neue Zuhause“ haben die Paten mit ihrer Spende ja sozusagen mitgeschaffen.

FUNDIERT: Wie wirbt man dafür, dass jemand die Patenschaft für eine goldene Schale übernimmt?

Eichmann: Wir haben natürlich die klassischen Kanäle bespielt: Mailings, Pick-up-Postkarten, Plakatierungen,
Social Media usw. Bei den „LegendärenMeisterWerken“ haben wir die Kampagne als Kontaktanzeigen aufgezogen: „Weinliebhaber, männlich, antik, vollschlank sucht Patin oder Paten.“ Bei den „Wahren Schätzen“ haben wir es etwas modifiziert. MuseumsmitarbeiterInnen quer durch die Abteilungen haben den Objekten ihre Stimme geliehen und Audioaufnahmen gemacht, bei denen sich die Objekte im „Herzblatt- Stil“ präsentierten. Es gab außerdem Patenabende, bei denen die Kuratoren und Restauratoren einige „Kandidaten“ vorgestellt haben. Sie sehen: Wir haben die Museumsmitarbeiter immer wieder für die Ausstellung und die Kampagne werben lassen. Auch in Fotokampagnen oder kurzen Filmen sind sie als Fürsprecher aufgetreten.

FUNDIERT: An welche Zielgruppe wendet man sich mit einer solchen Kampagne?

Eichmann: Wir haben einen Pool an treuen Spendern, die dem Haus sehr verbunden sind und schon darauf brannten, ihre Lieblingsobjekte nach der langen Sanierungsphase wiederzusehen. Wir wollten aber natürlich auch neue Spender für das Haus gewinnen. Die Patenschaften passten da gut: Sie gaben den Ausstellungen in gewisser Weise ein Gesicht und sie machten eine emotionale Ansprache durch das Augenzwinkern der Kontaktanzeigen möglich.

FUNDIERT: Und wie sieht es aus mit neuen Spendern?

Eichmann: Die „LegendärenMeister-Werke“ haben wir schon genauer ausgewertet: Hier waren über zwei Drittel aller Spender Neuspender. Die haben wir natürlich nicht allein durch die genannten Marketingmaßnahmen gewonnen. Die Neueröffnung selbst hat für viel Öffentlichkeit gesorgt. Und bei den Patenabenden haben wir beispielsweise immer mit Begleitung eingeladen. So hat es wichtige Mund-zu-Mund-Propaganda gegeben und die Patenschaften wurden weitergetragen.

FUNDIERT: Wir leben derzeit in politisch schwierigen Zeiten. Wirkt sich das auf das Kulturfundraising aus?

Eichmann: Ich kann mir vorstellen, dass für „Kultur“ zu spenden, im öffentlichen Bewusstsein momentan eher nachrangig ist. Bei uns hat sich die aktuelle politische Situation aber noch nicht ausgewirkt. Unsere Weggefährten halten uns die Treue. Ich glaube, auch die Neuaufstellung konnte noch mal viele Württemberger vom Landesmuseum überzeugen.

FUNDIERT: Zum Schluss: Warum sollte man denn für Kultur spenden? Wir bitten um ein Plädoyer.

Eichmann: Am ganz konkreten Beispiel: Die Neuaufstellung des Alten Schlosses wäre ohne Drittmittel in der jetzigen Form nicht möglich gewesen. Durch Spenden und Sponsorengelder wurden Spielräume geschaffen: Die professionelle Ausstellungsgestaltung, die umfangreichen Restaurierungsarbeiten, Vermittlungsebenen für alle Besuchergruppen, Barrierefreiheit und nicht zuletzt das Kindermuseum – all das wäre ohne private Unterstützung so nicht zu realisieren gewesen.

 

Eine Auswahl der Pick-up-Postkarten, mit denen das Landesmuseum Württemberg für seine Ausstellung „LegendäreMeisterWerke“ Objektpaten gesucht hat.

 

Udo Marquardt